No niin.
Sonntag, 13. September 2020

Interessante Interessen

Im Hinblick auf Wissensarbeit bzw. die Arbeit an einem Zettelkasten, ist es wahrscheinlich besser seinen interressanten Interessen zu folgen, als Ziele zu haben, oder nur seinen Interessen zu folgen.

Ein Ziel will ich hier mal definieren als eine Erwartungshaltung, die man aktiv zu erfüllen sucht. Wenn ich also recherechiere und erwarte, dass da am Ende ein Zeitungsartikel bei rauskommt, dann kann ich meine Recherche daraufhin abstellen.

Ein Interesse ist schlicht etwas für was man sich interessiert, d. h. es betrifft einen Selektionsbias.

Ein interessantes Interesse ist ein Interesse, welches auch andere interessant zu finden scheinen.

Da ein Zettelkasten eine offene Struktur ist, scheint es mir nicht sehr sinnvoll einen Zettelkasten für ein Buchprojekt zu machen und einen anderen für das noch zu entwickelnde Computerspiel. Man kann nie wissen, welche Notizen einander befruchten. Umgedreht ist das Arbeiten entlang eigener Interessen besser, weil es zumindest zu einem gewissen Grade intrinsische Motivation garantiert. Und schließlich bekommt man sogar externe Motivation on top, wenn man den Interessen folgt, die auch für andere interessant sind.

Montag, 7. September 2020

Keine Meditation ist auch keine Lösung

Es ist die dritte oder vierte Sitzung seit dem Neuanfang in diesem Jahr. Ich sitze an meinem Schreibtisch mit den Orhenstöpseln in den Ohren und folge mit geschlossenen Augen einer geführten Meditation. Ich werde gebeten im Rahmen meines "Bodyscans" - ein Verfahren, bei dem man den Zustand seines Körpers im Geiste von oben nach unten überprüft - auch meiner darunter liegenden Stimmung nachzuspüren. Und ich empfinde: Hoffnung. Es überrrascht mich selbst. Woher kommt sie? Ich fange fast zu weinen an - warum?

Es war 2017 als ich jeden Tag für 365 Tage am Stück meditierte. Meistens zwischen 10 und 20 Minuten. Jetzt also wieder. Was ich damals mitnahm: Meditation ist toll, verändert aber das eigene Denken hin zu einer Stille, die sich nicht unbedingt dazu eignet schwierigen Problemen Ausdruck zu verleihen. Man lernt unprkatisches Beobachten. In dem Sinne, dass man nicht das Gefühl hat auf jede Gefühls- oder Denkregung reagieren zu müssen. Hyperbolisiert man dieses Verfahren, so fürchtete ich, dann blieb am Ende nicht mehr viel übrig was noch zu äußern wäre. Was man sagen müsste. Vielleicht nicht so schlimm. Aber vielleicht will man ja auch schreiben. Nun ja.

Wie schlüssig das ist, das weiß ich nicht. Schaue ich zurück auf 2017, dann habe ich immer noch nichts produziert. Gelegenheitstexte einmal ausgenommen. Klingt das traurig? Umgedreht gibt es vermutlich genügend Leute, die in der Tat seit dem meditiert haben und trotzdem Bücher publiziert, Apps veröffentlicht, Spiele designt, Filme gemacht und was weiß ich nicht noch alles produziert, d. h. Produkte geschaffen, haben. Nun kann ich nicht sagen, dass hier in meinem Leben nichts passiert ist, aber doch, ja, wenn ich mal ganz offen bin: Dass ich bisher nicht in der Lage war irgendwas herzustellen, das ärgert mich.

Es liegt sicher auch an den Problemlösungen, die sich einem anboten. Ich bin heute angestellter Programmierer. Den Wissenschafts- und Technikhistoriker (Studium) und den auch sonst an Theorie interessierten, der mal was mit Feldforschung und Internet machen wollte, den gibt es schon noch. Aber es ist doch eine arg flache Pfütze aus der ich für meine Texte hier im Blog schöpfe. Mein Problem war zunächst: Bankrott oder nicht? Und dann: Gemeinsames Leben oder nicht? Bankrott wollte ich nicht und gemeinsam Leben hingegen schon, was aber wiederum nur ging, nur wirklich ging, wenn ich einen Job hatte, der mir entgegenkam, der mich auch von weiter Ferne mit ausreichend guter Bezahlung arbeiten lies. Und nun bin ich also Programmierer und nicht PhD (oder was auch immer). Und nun lese ich also das selbe Buch seit letztem Oktober, ein schwieriges Buch, gewiss, ein Buch was ein drumherum Lesen notwendig macht, auch das zugestanden, aber trotzdem. Ich lese ein einzelnes Buch und wenn das so weiter geht, dann lese ich es noch im nächsten Jahr.

Aus dem Tunnel raus. Ich bin jemand, geschult von den vielen Stunden mit Roguelikes, der immer in Ressourcen denkt. Die Eingeschränktheit der eigenen Möglichkeiten ist das Ergebnis der sich ergebenden Anschlussmöglichkeiten (von Anschlussmöglcihkeiten), bei gleichzeitiger bewusster Aufrechterhaltung der bestehenden Komplexität. Ich kann natürlich auch nicht zu Arbeit gehen, möglich wärs ... ! Ha.

Nein, nein. Arbeit muss sein, da Bezahlung sein muss. Beziehung muss sein, weil Beziehung wichtig ist. Sie eröffnet ganze Themenfelder, die als Erfahrungen Lernmöglichkeiten darstellen, die man wiederum mit ausreichend Geld auf dem Konto realisieren kann - häufig geht es ja doch nicht ohne. Und seine Schulden kann man dann auch bedienen, wenn man genügend Geld verdient, auch das ist nicht schlecht. Wohlfühlen ist ein hohes Gut. Die Wohnung muss ordentlich sein. Was heißt das? Geschirrspüler bestücken und Wäsche waschen jeden Tag, es muss was im Kühlschrank sein, es muss einmal die Woche gesaugt werden, das Auto braucht Winterreifen, die Familie will informiert sein, wie es einem so ergeht hier in Finnland. An alles kann man eine Dauer hängen, man kann sich einen Aufwand errechnen, man kann das alles in eine lange ToDo-Liste schreiben, manche Dinge sind wiederkehrend, andere passieren nur einmal oder unregelmäßig. Und wer Ansprüche an seinen Alltag hat, der nutzt solche Möglichkeiten auch.

Im Baseball geht es häufig darum, die Leistungen eines Spielers auf eine Nummer zu bringen: WAR. Wins Above Replacement. Es ist eine Annäherung an den Wert eines Spielers, die versucht Positions-, Team- und Stadion- und Eräunabhängig zu sein und so Vergleiche zwischen Spielern über soziale (wenn man so will), geografische und zeitliche Unterschiede hinweg zu ermöglichen (im Rahmen der MLB). Nachfolgend ein Screenshot aus dem oben verlinkten Artikel:

WAR - Wins Above Replacement

Wir können also erkennen, dass 0-1 WAR bedeutet, dass der Spieler keinen Unterschied macht, während ein Spieler mit 6 WAR, der durch einen normalen Spieler von der Bank ersetzt werden würde einen Unterschied von 6 Siegen in der Saison bringt.

Gäbe es soetwas für das Leben, bei dem ungeachtet meiner Bedürfnisse, ungeachtet meiner Schwierigkeiten und besonderen Umstände eine Zahl herauskäme, dann frage ich mich schon bisweilen, was meine Zahl wäre. [EDIT 08.09.2020: bzw. genau umgekehrt: unter Einbeziehung meiner Bedürfnisse, meiner Schwierigkeiten und Umstände - um sie dann anschließend herauszurechnen] Zum MVP würde es sicher nicht reichen. Aber wäre ich noch ein Guter oder wenigstens solider Spieler? Oder überlebe ich eigentlich nur? Werde ich lediglich geduldet?

Gedanken dieser Art werden zunehmend auch dadurch erschwert, dass ich natürlich nicht kontextfrei existiere und im großen und Ganzen natürlich das Ergebnis meiner Umwelt bin. Wobei die Umwelt gleichzeitig das Ergebnis meiner Beobachtung ist. Folgen wir dieser Hintertür für diesen Text mal. (Von der Frage, ob ein Ranking überhaupt über die zahllosen Dimensionen in denen ein Mensch existiert ohnehin schwierig sein würde, mal abgesehen.) Aber klar ist auch, dass ich mich in meiner Zufälligkeit eigentlich noch glücklich schätzen kann. Es sind schon eine ganze Menge Selektionen gelungen, um das hier schreiben zu können. Und doch…

Der einzige realistische Weg seinen WAR-Wert zu erhöhen, ist besseres Baseball vor allem in den entscheidenden Momenten und über lange Zeiträume zu spielen. So ähnlich ist es im übertragenen Sinne im Leben wohl auch. Insofern ist Erfolg sicher auch eine Geduldsfrage (wenn es um das Erlernen und Verbessern von Fähigkeiten geht), eine Frage des Einsehens, dass manche Türen wohl verschlossen sind und sich vermutlich nicht mehr öffnen werden (akademischer Lebensweg) und auch eine Glücksfrage (dem als Entgegnung: "If opprtunity doesn't knock, build a door."). Letztlich eine Perspektivenfrage: Anderes ist ja überhaupt erst durch die sich nicht öffnende Tür möglich. Usw.

Konkret heißt das aber auch, dass es darum gehen muss in Einklang mit der Situation zu kommen. Einerseits: Wieder etwas blinder werden und machen. Wieder etwas stumpfer werden und manche Anforderungen ignorieren. Andererseits: Gute Dinge wie die Meditation nicht für die eigene Mittelmäßigkeit verantwortlich machen. Auch mal in sich nach Gründen suchen, so sehr das auch zunächst aufreizend naiv wirkt.

(Um zum Abschluss etwas wohltuend ANT-iges zu sagen:) Es wird darum gehen das eigene Setup aus Apps und Geräten und Rythmen und Angewohnheiten neu Aus- und Einzurichten. Ich bin vielleicht nicht Single und/oder Student und habe nicht 20 Stunden am Tag um in einem persönlichen Marschalplan alles wieder recht zu rütten, aber ich ich habe mehr Optionen als einfach nichts zu tun. Komplexität begucken und neu Aufbauen, transformieren. Den guten Kern rausschälen und dort neu ansetzen.

Montag, 24. August 2020

Tatsachen, Beschäftigungsfokus

Es mag interessant sein, sich vorzustellen, von wie vielen verschiedenen Gesichtspunkten man etwas betrachten kann. Man kann einen Baum ästhetisch schön finden, stadtplanerisch überflüssig, ökologisch wichtig, philosophisch beispielhaft, vorbildlich für Organisationszusammenhänge, usw.

Man kann von Tatsachen sprechen. Tatsachen der Kommunikation zum Beispiel, oder Tatsachen des Buchdrucks. Oder Tatsachen der sozialen Vermitteltheit von Tatsachen. Tatsachen insinuieren, dass man über den Grund ihreres Vorhandenseins nur noch im Rahmen der Vorgaben einer wie auch immer gearteten (Super-)Theorie sprechen kann. Spricht man von Problemen bestimmter Art und Weise, sind Lösungen eines bestimmten Schnittes meist nicht weit entfernt.

Es ist nicht leicht auf den Tatsachen-Schatz zu verzichten, der eine (allzu) schnelle Abstraktion und Vereinfachung der Vorgefundenheit möglich macht. Zumeist hat man anderes zu tun als einfach rauszurechnenden Dissonanzen stattdessen schon an anderer Stelle verplante Ressourcen zu schenken.

Das Ergebnis ist Normalwissenschaft: Es wird an einem bestehenden Forschungsprogramm festgehalten. Nur eine bestimmte Rauschfrequenz interessiert, alles andere muss ausgeblendet werden.

Gibt es Tatsachen des Alltags? Wenn man einen Löffel unter dem Wasserhahn mit der Innenseite nach oben abwäscht, muss man damit rechnen, dass es gewaltig spritzt. Ist das eine Alltagsbeobachtung? Ist das eine Tatsache? Man kann hier inferieren, dass sich Tatsachen dem Beobachter regelrecht aufdrängen, dass die Gegenstände bestimmte (ad-hoc)-Theorien nahe legen und in diesem Sinne handlungsmächtig beteiligt sind.

Es könnte interessant sein, interessante Dinge auf ihre Tatsachenmöglichkeitsräume hin abzuklopfen. Welche Tatsachen lassen sich schaffen? Und wogegen wehrt sich das Phänomen? Die Materialkonfigurationen, in denen ein Ding wie ein Netzwerk eingebettet ist und möglichen Beobachtungssujets, die auch immer etwas über die Gesellschaft mitartikulieren, vermögen gemeinsam die Freiheit eines Beschäftigungsfokus, der im Einklang mit seiner Ressourcenabhängigkeit die derzeitige Tatsachenaktualität als Normalität kontingent werden lässt, zum Vorschein kommen.

Es scheint mir jedenfalls interessant ein Forschungsprogramm zu träumen, dass seine Ressourcen für Räusche dieser Art abstellt.

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