No niin.

Workflow-Impermanenz

Evernote 10 ist - mindestens temporär - nicht Applescript-fähig:

The response I got from Evernote is that it's one of the features they're still considering.

Wahrscheinlicher noch ist, dass es wohl so bleibt, wenn man bedenkt, dass Evernote 10 die erste Electron-Anwendung wäre, die Applescript unterstützen würde. Das heißt nicht notwendigerweise, dass der Evernote-Mac-Client nie wieder ein Scripting-Interface erhalten wird, aber wann es soweit ist, ist nicht klar.

Weiterhin ist die Evernote Legacy App erhältlich. Das heißt: Es gibt eigentlich zunächst keinen Grund zum Handeln. Und doch ist mit Yarle ein aktiv entwickelter Evernote nach Markdown-Konverter erhältlich, der es gerade jetzt attraktiv erscheinen lässt, seine Notizen in einem mehr oder weniger standardisierten Format abzuspeichern. Dem Zettelkasten-Software-Trend sei dank.

Für mich persönlich war bereits vor Evernote v10 nämlich mit der Einführung von DevonThink klar, dass auch der Zettelkasten nach DevonThink wandern wird - nicht zuletzt wegen Vorbehalten gegenüber App Abos. Ursprünglich als lang angelegtes Projekt gedacht, welches, je nach dem wie sich Evernote macht, auch hätte abgeblasen werden können, werde ich nun die Kaputtheit des eigenen Notizenworkflows nutzen, um nun schon etwas früher umzuziehen.

Wie wir aus der Achtsamkeitslehre wissen: Impermanenz gibt es überall. Und so auch in unseren Workflows. Dass der Applescript-Support für Evernote (wahrscheinich) nicht fortgeführt wird heißt nur, dass man den Workflow reparieren muss. Es heißt nicht, dass alles für immer verloren ist. Datenverluste sind umgekehrt nie ganz auszuschließen und doch wird es sich nicht vermeiden lassen, sich auf irgendwelche Technologien und Standards und Ideen und Angebote einzulassen. Kein Konstrukt hält ewig.

Und gleichzeitig ist wichtig bei der Herausforderung einen wartbaren Workflow zu finden der auch in den eigenen Kopf passt:

One lesson learned from this study is that interface itself, whether GUI or TUI does not correlate with good or bad user performance.

Mag sein, dass es Dateiformate und Software gibt, die man in den letzten 5 Dekaden praktisch unverändert hätte nutzen können, aber ist das tatäschlich die einzige Qualität um die es beim eigenen Workflow geht? Passt die Impermanenz der eigenen Lernreise mit der relativen Permanenz eines solchen Setups zusammen?

Deshalb ist wirklich wichtig, dass man einen für einen selbst funktionierenden, tendeziell langweiligen, Workflow findet - zumindest wenn man auf der Suche nach einem Workflow ist. Der Punkt dieses Artikels ist dabei gewesen nur auch noch einmal zu unterstreichen, dass ein gefundener Workflow - nur weil es der eigene ist - nicht von Verwesungserscheinungen unberührt bleibt und dass deshalb bezüglich der eigenen Erwartungen gegenüber dem eigenen Workflow auch immer die Möglichkeit des Zerfalls mitgedacht werden muss.

Und mehr noch: Dass dieser Zerfall selbst Produkt des Workflows - und um mir hier zum Schluss auch eine essayistische Hyperbolisierung zu erlauben - genau genommen der Workflow eine Form von Zerfall, der Zerfall eine Form von Arbeit(sablauf) ist: Die verbindende Differenz hier ist die immer wieder neu beobachtbare Transformation, mithin die Artikulation von Impermanenz selbst.

Interessante Interessen

Im Hinblick auf Wissensarbeit bzw. die Arbeit an einem Zettelkasten, ist es wahrscheinlich besser seinen interressanten Interessen zu folgen, als Ziele zu haben, oder nur seinen Interessen zu folgen.

Ein Ziel will ich hier mal definieren als eine Erwartungshaltung, die man aktiv zu erfüllen sucht. Wenn ich also recherechiere und erwarte, dass da am Ende ein Zeitungsartikel bei rauskommt, dann kann ich meine Recherche daraufhin abstellen.

Ein Interesse ist schlicht etwas für was man sich interessiert, d. h. es betrifft einen Selektionsbias.

Ein interessantes Interesse ist ein Interesse, welches auch andere interessant zu finden scheinen.

Da ein Zettelkasten eine offene Struktur ist, scheint es mir nicht sehr sinnvoll einen Zettelkasten für ein Buchprojekt zu machen und einen anderen für das noch zu entwickelnde Computerspiel. Man kann nie wissen, welche Notizen einander befruchten. Umgedreht ist das Arbeiten entlang eigener Interessen besser, weil es zumindest zu einem gewissen Grade intrinsische Motivation garantiert. Und schließlich bekommt man sogar externe Motivation on top, wenn man den Interessen folgt, die auch für andere interessant sind.

Zettelkasten als Trend - Latente Kommensurabilität

Der Zettelkasten als Medientechnik hat in diesem Jahr an Traktion gewonnen:

Wahrscheinlich gibt es noch mehr. Und das ist auch nur die Artikulation als Software.

Warum kommt es gerade jetzt zu dieser Ballung? War es eine Frage der Zeit - bei angenommener zunehmender Sofistizierung der Entiwcklertools? Es passiert, weil es jetzt passieren kann?

Interessant ist im übrigen auch, wie wenig man sich am Ende für die systemtheoretische Umwelt der Entstehung des Luhmann'schen Zettelkastens interessiert. Beispielhaft:

Who cares what Luhmann meant by his Zettelkasten "communicates" to him?
I don't want to be Luhmann, I don't want to understand his thinking. I want what Luhmann had. I just want to connect in my own way with my own Zettelkasten.(Quelle)

Was sagt uns das? Zunächst einmal, dass es möglich ist Zettelkästen ohne Systemtheorie zu betreiben. Man kann ja auch Bücher schreiben, die keine Bibel sind - oder was immer man auch als "erstes Buch" setzen will.

Gleichzeitig aber auch ein interessantes Problem: Der Zettelkasten enthält latent die Systemtheorie, sonst hätte er sie nicht kommunizieren können. Der Zettelkasten muss aber nicht auf sie hinauslaufen. Ich habe erfolgreich (im Sinne von: interessant) über die ANT mit meinem Zettelkasten geschrieben. Legt der Zettelkasten dadurch eine Kommensurabilität der ANT in die Systemtheorie und umgekehrt nahe?

Und weiter: Wenn es funktional(?) äquivalente Artikulationen des Zettelkastens gibt: Handelt es sich bei der Systemtheorie trotz ihrer erschöpfenden Reichweite um eine günstige - gar die günstigste und dabei gleichzeitig noch genug Komplexität einschließende - Vereinfachung dieser Medientechnik?

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